Das Geheimnis hinter Chihiros Reise ins Zauberland

Ohngesicht

Von Erik Pelzer

Regie: Hayao Miyazaki
Studio: Studio Ghibli
Erscheinungsjahr: 2001
Originaltitel: 千と千尋の神隠し (Sen to Chihiro no kamikakushi)
Genre: Genreübergreifend; Isekai

Bewertung:

Spannung: ★★★★★★★☆☆☆
Gefühl: ★★★★★★★★★★
Phantastik: ★★★★★★★★★☆
Details: ★★★★★★★★★☆
Zeichenstil: ★★★★★★★☆☆☆
Handlung: ★★★★★★★★★★
Tiefe: ★★★★★★★★★★
Charaktere: ★★★★★★★★☆☆
Gesamt: ★★★★★★★★★☆

Chihiros Reise ins Zauberland (Orig. 千と千尋の神隠し Sen to Chihiro no kamikakushi, dt. Sen und Chihiros magisches Verschwinden) ist weltweit der erfolgreichste Animefilm aller Zeiten. Kein Wunder, kenne ich doch kaum jemanden, der diesen herrlichen und gefühlvollen Film nicht gesehen hat. Wer hat sich nicht staunend verloren in der Magie des Films? Wer hat nicht ein paar Tränen verdrückt, als Chihiro und Haku sich wiedergefunden haben? Wenn ich in meinem Bekanntenkreis fragte, wie sie den Animefilm mit einem Wort beschreiben würden, würden sie ihn als „fantastisch“, „rührend“, „wunderschön“ und „gruselig“ beschildern. Moment – gruselig? Ein Kinderfilm? Tatsächlich, wenn ich selbst an das Gefühl zurückdenke, das ich hatte, als ich im Kindesalter zum ersten Mal den Film gesehen habe, war dieses auch ein bisschen von Angst erfüllt. Das lag nicht allein an Chihiros Eltern, die von der Hexe Yubaba in fette Schweine verwandelt worden sind, oder an Dämonen, wie dem unheimlichen Ohngesicht. Da schwang noch viel mehr mit, aber ich begriff als Kind noch nicht, was es genau war, das mich so beunruhigte. Erst nach vielen Jahren mit der DVD und einem fast abgeschlossenen Studium wurde mir klar, dass die Aussage des Films Chihiros Reise ins Zauberland deutlich vielschichtiger und komplexer ist, als ich es als Kind auch nur erahnen konnte. Der Vorhang vor den Geheimnissen um Chihiro, Haku und Co. wird hier gelüftet.

„Wer bin ich?“

Chihiros Reise ins Zauberlands Leitthema ist die Frage nach dem „Wer bin ich?“ Der eigene Name und die Identität stehen im Film sehr eng beieinander und wie in vielen „Coming of Age“-Filmen wird die Identität auch hier durch das Erwachsenwerden infrage gestellt. Ich erlebe beim Schauen des Filmes die Entwicklung vom schüchternen Mädchen Chihiro, das sich an seine Blumen als letzte Erinnerung an das Leben, das es kannte, klammert, zur reifen und selbstbewussten Frau, die ihre Eltern zurückgewinnt und ihren Freund Haku befreit.

Diese voranschreitende Persönlichkeitsentwicklung sehen wir auch in dem Wasserzug, dem einzigen Fortbewegungsmittel im Zauberland. Er fährt nur in eine Richtung und symbolisiert somit die Unfähigkeit zur Rückentwicklung. Das erste Mal hört Chihiro den Zug in der Bahnhofshalle, die den Beginn ihrer Reise verkündet. An der Haltestelle „Sumpfboden“ beendet das Mädchen ihre Reise und ihre Entwicklung bei der Hexe Zeniba.[1]

Doch der Weg dorthin ist schwierig. Mit der Verwandlung ihrer Eltern wird Chihiro in der Geisterwelt auf sich allein gestellt. Sie muss um Arbeit betteln und sich in einer völlig fremden Umgebung im Badehaus zurechtfinden. Es herrscht ein starkes Konkurrenzdenken im Umgang miteinander und in miesester Tellerwäschermanier bekommt Chihiro die „dreckigsten“ Aufgaben. Eine versteckte Allegorie zur (japanischen) Berufswelt ist hier nicht zu übersehen, allerdings werde ich diesen Aspekt später detaillierter aufgreifen. Wichtig ist hier vor allem, dass sich das tollpatschige Mädchen nicht beschwert, sondern kämpft. Sie entwickelt sich, und ich selbst empfand auch ein kleines bisschen stolz für Chihiro. Den herbsten Rückschlag erleidet Chihiro allerdings noch. Denn als die Herrin des Badehauses Yubaba ihr endlich einen Arbeitsvertrag gibt, nimmt sie ihr zugleich den Namen und damit auch ihre Identität (Sie kürzt ihren Namen: Aus 荻野千尋 wird 千). Sie heißt von nun an Sen und ist ein neuer Mensch. Dies ist eine Handlung mit einem dreifach symbolischen Charakter:

Namen bedeuten Macht über sich selbst

Yubaba, die Hexe, verändert die Namen aller ihrer Mitarbeiter, um die Macht über sie auszuüben, denn ohne den eigenen Namen, so die Aussage des Films, hat man keine Freiheit und keinen eigenen Willen mehr. Die Identität verschwindet. Sehr schnell verblasst die Erinnerung an den eigentlichen Namen. Das größte Problem daran ist, dass Chihiro ohne ihren eigenen Namen nicht mehr in ihre menschliche Welt zurückkehren kann. Erst motiviert durch Yubabas Zwillingsschwester Zeniba gelingt es Chihiro, gemeinsam mit Haku sich ihrer Namen wieder zu erinnern und Yubabas Fluch zu brechen. Sie gewinnt ihre Identität wieder zurück.

Das Ende der Kindheit

Zum anderen ist die Identität in Chihiros Reise ins Zauberland sehr stark mit dem Erwachsenwerden verknüpft und das Löschen des alten Namens kann als abruptes Ende der Kindheit und somit auch der Kindheitsidentität interpretiert werden. Dass Chihiro dazu allerdings noch gar nicht bereit war und ihre Eltern weiterhin braucht, wird am Ende deutlich, wenn sie ihre Eltern vom Fluch befreit und wieder Kind sein darf.

Chihiro wird in die Prostitution verkauft

Die dritte Bedeutung hinter der Namensänderung ist für mich umso erschreckender und verblüffender, wenn ich mir erneut vor Augen führe, dass dieser Film in erster Linie von Kindern gesehen wird, und nichts für zarte Gemüter ist. Chihiro muss nämlich ihren Namen verändern, weil sie als Prostituierte für Yubaba arbeitet. Ja, ihr lest richtig. Das Badehaus aus Chihiros Reise ins Zauberland weist nämlich eindeutige Parallelen zu früheren Badehäusern in Japan auf, die als Bordelle betrieben wurden. Und auch wenn dies nun für viele Leser – sowie für mich selbst ebenso – einen Teil der kindlichen Verklärung des Filmes auflöst, gibt es mehr als genug Hinweise darauf, dass Chihiro als Prostituierte in Yubabas Badehaus arbeitet.

Doch wie kommt es dazu? Die Szene, in welcher sich Chihiros Eltern zu Beginn des Filmes wie Schweine, in die sie anschließend verwandelt werden, ohne zu bezahlen – denn es ist ja auch kein Verkäufer da – über das Essen hermachen, kann so interpretiert werden, dass sie große Schulden angehäuft haben. Ohne Geld bleibt ihnen nur die Möglichkeit, ihre Tochter an das Badehaus zu verkaufen, um ihre Schuld auszugleichen. Da davon auszugehen ist, dass Chihiro noch Jungfrau ist (Das wird nochmal wichtig sein), erzielt dieser Handel einen hohen Preis. Das chinesische Tierkreiszeichen des Schweines steht unter anderem auch für Vermögen. Im Film spiegelt also die Verwandlung der Eltern in Schweine ihre Gier und Maßlosigkeit wider. Mit der Verkauf Chihiros in die Prostitution kritisiert Hayao Miyazaki ganz eindeutig in Chihiros Reise ins Zauberland die reale Praxis der Zwangsprostitution in einigen Ländern.

Das Badehaus ist ein Bordell

Diese Deutung wird noch offensichtlicher, wenn Chihiro zum ersten Mal das Badehaus entdeckt. Am Eingang steht das japanische Wort 荻野 (Yuu), was eine heiße Quelle bezeichnet. In der Edo-Zeit stand dieses Wort am Eingang der Badehäuser, welche auch als Bordelle genutzt worden sind. Dieses Badehaus steht auf der Insel Yuuya, welches ebenfalls in der Edo-Zeit ein Vergnügungsviertel mit Straßenrestaurants und Bordellen benennt. Übrigens, bereits zu Beginn des Films steht vor dem Tunnel, der ins Zauberland führt, eine Dousojin-Statue, also Abbilder von Fruchtbarkeitsgöttern. Ein Zufall?

Heute wie damals ist es noch oft üblich, dass Prostituierte ihren Namen ändern und sich eine zweite Identität erschaffen. Hier erledigt Yubaba dies für sie. Sen existiert nur im Badehaus der Geisterwelt, während der in Vergessenheit geratende Name Chihiro in die Menschenwelt gehört. Sie verliert ihre Identität und ist nur noch dafür da, um im Badehaus die Kunden (Kamis[2]) zu bedienen. Der Name der Hexe Yubaba (湯婆婆), ältere Frau der heißen Quellen, entspricht dabei sogar der Anrede für eine Bordellleiterin, wohingegen die „Badehelferinnen“ Yuna (湯女), also Frauen der heißen Quellen, genannt werden. Dass also im Badehaus auch sexuelle Handlungen stattfinden, erscheint vor diesem Hintergrund gar nicht mehr unwahrscheinlich.

Chihiros Ekel in der Zwangsprostitution

Den Ekel, den die Yunas bei der Zwangsprostitution empfinden, stellt der Regisseur Hayao Miyazaki durch das Auftauchen des stinkenden und mit Schlamm überzogenen Faulgottes dar. Natürlich muss sich auch hier wieder Chihiro um den Gast kümmern. Dabei verfolgt das Mädchen eine ganz klare Motivation: Sie möchte durch harte Arbeit ihre Schuld bei Yubaba abarbeiten. Eine Lüge, mit der Chihiro in dem Glauben gelassen wird, dass sie selbst Schuld an ihrer Lage sei.

Das Ohngesicht und Chihiros Jungfräulichkeit

Schließlich kommt noch die Figur des Ohngesichts ins Spiel, welche sehr viel Interesse für Chihiro zeigt. Er zaubert viel Gold, um das sich die anderen Mitarbeiter und Yunas reißen, doch hat er nur Augen für Chihiro. An dieser Stelle könnte ich natürlich so weit gehen und sagen, dass das Ohngesicht die Jungfräulichkeit von Chihiro möchte. Eine Anspielung auf eine leider sehr reale Praxis in vielen Teilen der Welt. Nach der Ablehnung Chihiros verfolgt dieser das Mädchen sogar.

Die Deutung des Ohngesichts in Chihiros Reise ins Zauberland

Das Ohngesicht symbolisiert aber viel mehr als nur einen aufdringlichen Gast mit moralisch fragwürdigen Extrawünschen. Er ist ein Sinnbild für die japanische Gesellschaft, die dem exzessiven Konsumieren und dem Materialismus verfallen ist.[3] Gleichzeitig ist er auch ein Symbol für die japanische Arbeitswelt, in der sich eine Mentalität herauskristallisiert hat, nach welcher jeder hinter falschen Mienen alles mit Geld lösen könne. Wenn zu Beginn des Filmes Chihiros Vater erklärt, dass die ganzen Freizeitparks in den 90er-Jahren entstanden seien und aufgrund der Wirtschaftskrise verwahrlosten, wird genau auf diese Thematik angespielt.

Darüber hinaus wird im Film konkret kritisiert, dass das Miteinanderleben – und somit auch die Verantwortung der Eltern gegenüber ihren Kindern – unbedeutend geworden ist. Dies zeigt sich nicht nur im Umgang von Chihiros Eltern mit ihrer Tochter, sondern auch an Yubaba. Gegen Ende des Films erkennt sie sogar ihren eigenen Sohn nicht wieder. Als Haku ihr sagt, dass ihr etwas Wichtiges fehle, schaut sie zuerst zweimal auf den Goldhaufen vor ihr, bevor sie realisiert, dass ihr Sohn verschwunden ist.

Die Deutung des Ohngesichts

(Gemeinfrei – Inspiriert von Hayao Miyazakis “Chihiros Reise ins Zauberland”)

Zeniba dagegen ist das genaue Gegenteil und verkörpert die häusliche, familiäre Welt. Und wie jeder weiß, kann die richtige Gesellschaft alles verändern, und so zeigt sich selbst das Ohngesicht in Zenibas Haus als hilfsbereites Wesen mit einer eigentlich guten Seele. Und vielleicht wollte das Ohngesicht ja nur Chihiros Herz gewinnen, weil er sich einsam fühlte?

Chihiros Reise ins „Müll-Land“ – das Problem der Umweltverschmutzung

Die ehrgeizige Yubaba profitierte von dieser egoistischen Lebensweise, die eine Wegwerfmentalität hervorbrachte. Schornsteine pusten tiefschwarzen Rauch in den strahlend blauen Himmel. Der Müll, das Schmutzwasser und der Schlamm werden immer wieder aus dem Badehaus ins Meer gespült, dass es sogar einen Flussgott in einen Faulgott verwandelte und es Chihiro und die anderen Yunas viel Mühe kostet, um ihn wieder zu reinigen. In der japanischen Vorstellung sind Flussgötter sehr hilfsbereite und dankbare Wesen, die lebenswichtiges Wasser spenden. Doch verschmutzt und zugeschüttet können sie den Menschen nicht helfen. Hayao Miyazaki betrachtet die Menschheit als Teil des Ökosystems, der Verantwortung übernehmen muss. Aus diesem Grund nimmt das Problem der Umweltverschmutzung meistens einen wichtigen Platz in seinen Filmen – und somit auch in Chihiros Reise ins Zauberland – ein.

Haku und Yubaba – Japan als Untertan des Westens

Habt ihr beim Schauen des Filmes mal genauer auf die Kleidung geachtet? Es lohnt sich, denn wenn ihr genau hinschaut, werdet ihr bemerken, dass sich die Kleidung der Hexenzwillinge Zeniba und Yubaba von der der anderen Personen in Chihiros Reise ins Zauberland deutlich unterscheidet. Beide Hexen tragen westliche Kleidung und auch Yubabas Zimmer und Zenibas Essen muten westlich an. Ryū (Japanisch für Drache) dagegen, der Drache, in den sich Haku verwandeln kann, hat ein typisches Aussehen für einen asiatischen Drachen. Er personifiziert nicht nur einen weiteren Flussgott, sondern sogar Japan selbst. Das wird deutlich, da der Drache nur drei Klauen hat – das Merkmal für japanischen Drachen. Yubaba übt Druck und Einfluss auf Ryū aus – und will ihn sogar von ihren drei Köpfen, den Kashiras, töten lassen. Oder mit anderen Worten: Japan wird als dem Westen untertan dargestellt.

Die Erklärung für diese Gegenüberstellung finden wir in der japanischen Geschichte: Nachdem in der Edo-Zeit Japan beinahe vollkommen isoliert von der Außenwelt in seiner längsten Friedensperiode floriert hatte, öffnete sich das Land langsam unter westlichem Druck. Nachdem US-amerikanische Flotten Tokio herausgefordert hatten, sahen sich die Japaner mehr und mehr gezwungen, ihre Grenzen vollends zu öffnen. Japan übernahm dabei nicht nur westliche Werte und passte sich der westlichen Gesellschaft an. Es gingen auch viele alt bewährte Traditionen verloren.[4] Tragischer Höhepunkt war die Beteiligung Japans an zwei Weltkriegen. Ich frage mich nun, ob Hayao Miyazaki mit dem Film sein Bedauern darüber zum Ausdruck bringen möchte, dass Japan dem Westen nacheifert.

Deutung der Hexenzwillinge in Chihiros Reise ins Zauberland

Doch Yubaba und Zeniba, die beiden Zwillingshexen, sind noch viel wichtiger für die Deutung der Geheimnisse von Chihiros Reise ins Zauberland. Warum haben die beiden ein so schlechtes Verhältnis zueinander? Das ist möglicherweise darauf zurückzuführen, dass in Japan Zwillinge als schlechtes Omen gedeutet wurden. Es wurde nämlich angenommen, dass das erste Kind, das geboren wurde, das zweite Kind weggestoßen hat, um zuerst auf die Welt zu kommen. Der erste Zwilling wurde aus diesem Grund auch oft getötet oder abgegeben. Eine Parallele dazu finden wir bei Yubaba und Zeniba. Letztere lebt eher ärmlich und wurde daher vielleicht weggegeben oder verheimlicht, wohingegen ihre Zwillingsschwester das Badehaus geerbt haben könnte.[5]

Die Märchen in Chihiros Reise ins Zauberland

Yubaba und Zeniba führen uns aber auch in das Reich der japanischen Märchen ein. Doch zuvor stellt sich die Frage: Was genau ist ein Märchen eigentlich? Und ist Chihiros Reise ins Zauberland selbst auch ein Märchen? Michaela Rubesch erklärt: „Ein Märchen ist eine fantastische Erzählung, in der die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen.“[6] Tolkien, vielen als der Schöpfer von Der Herr der Ringe bekannt, erwähnt in diesem Zusammenhang vier Punkte, die im Kombination mit einem „Happy End“ ein gutes Märchen ausmachen: Fantasie, Wiederaufrichtung aus tiefer Verzweiflung, Flucht oder Errettung aus großer Gefahr und Trost in der Niedergeschlagenheit. Bettelheim ergänzt diese Liste noch um die Bedrohung der körperlichen und moralischen Existenz des Helden.[7] Ich stelle fest, dass Chihiros Reise ins Zauberland nicht nur alle Voraussetzungen für ein gutes Märchen erfüllt, sondern auch alte Traditionen und Werte zu vermitteln sucht. Durch eine Identifikation mit Chihiro wird eine Anleitung zur Selbsthilfe (für Kinder gegeben).[8]

Alice im Wunderland und Baba Yaga

Aber kehren wir zurück zu den geheimen Vorlagen für den Animefilm. So ähnelt vor allem Yubabas Persönlichkeiten vielen Figuren, die uns aus den westlichen Geschichten bekannt sind: Sie ist streng wie die Königin in Alice im Wunderland. [9] Außerdem lockt Yubaba Chihiros Eltern durch den Duft des Essens ins Zentrum der Insel Yuuya, nur um sie in Schweine zu verwandeln. Woran erinnert euch das? Genau, an die Hexe aus Grimms Märchen! Auch erinnert der Name Yubaba stark an die slawische Baba Yaga.

Yamauba als Vorlage für Yubaba und Zeniba

Doch die größte Ähnlichkeit hat Yubaba mit der japanischen Berghexe Yamauba.[10] Yamauba ist eine alte Frau, die tief in den Bergwäldern Japans wohnt und durch Verwandlungen und Listigkeiten arglose Reisende zu sich lockt, um sie anschließend zu verschlingen. Genauso hat Yubaba Chihiros Eltern angelockt, um sie zu schlachten und zu verspeisen. Yamaubas Ehemann wird übrigens genauso wie der von Yubaba nie erwähnt.[11] Ob sie ihn auch gegessen hat?

Yamauba kann allerdings auch Gefühle zeigen, wie der Umgang mit ihrem Sohn Kintarou zeigt. Dieser ist ihr Ein und Alles und hat große Kräfte. Auch trägt er genauso wie Bou, der Sohn von Yubaba, eine rote Harakake (Wie ein sehr langes rotes Lätzchen) mit seinem Namen drauf.[12]

Was ist mit Zeniba? Sie spiegelt die gute Seite von Yamauba wider. So hilft im japanischen Märchen Die Blumenprinzessin das namensgebende Mädchen dabei, die Würmer in Yamaubas Haaren zu töten. In Chihiros Reise ins Zauberland tötet unsere Protagonistin den Schwarzen Wurm, den Parasiten, mit dem Yubaba Haku kontrollierte.

Yamauba als Märchenvorlage für Chihiros Reise ins Zauberland

(Gemeinfrei – Yamauba)

Chihiro und Mometaro: „Sharing is caring“

Doch es gibt noch ein weiteres Märchen, das Chihiros Reise ins Zauberland beeinflusst hat: Das Abenteuer von Momotaro. Momotaro wird einem alten Ehepaar aus einem riesigen Pfirsich geboren. Als er sich aufmachen möchte, um den Dämonenkönig zu töten, der das Land heimsucht, gibt ihm seine Ziehmutter eine Handvoll Reiskuchen mit. Er teilt diese mit einem Hund, einem Affen und einem Fasan und macht sie somit zu seinem Gefährten. Hier haben wir eine Parallele zum Kräuterkloß aus dem Animefilm, mit dem Chihiro Haku rettet. Genauso wie Chihiro schafft es auch Momotaro nach einem Intermezzo mit den Dämonen zu seinen glücklichen Eltern zurückzukehren.[13]

„Geh einfach denselben Weg zurück, den du bekommen bist. Aber du darfst dich nicht umdrehen, bis du den Tunnel wieder verlassen hast. […] Doch jetzt geh‘ und dreh dich nicht um.“

Das sagt Haku gegen Ende des Filmes zu Chihiros als sie sich verabschieden. Als Althistoriker läuten bei diesen Worten bei mir sofort alle Glocken. Gibt es in der römischen Mythologie nicht eine ähnliche Geschichte? Genau, nämlich in der Metamorphose von Orpheus und Eurydike des römischen Dichters Ovid! Orpheus stieg in die Unterwelt hinab, um seine Ehefrau Eurydike zu retten. Gott Hades zeigte Gnade, doch unter einer Bedingung: Orpheus darf sich beim Aufstieg in die Oberwelt nicht nach seiner Frau umdrehen.

„Der Pfad führt sie durch Totenstille bergan; steil ist er, dunkel und in dichten Nebel gehüllt. Schon waren sie nicht weit vom Rande der Erdoberfläche entfernt – besorgt, sie könne ermatten, und begierig, sie zu sehen, wandte Orpheus voll Liebe den Blick, und alsbald glitt sie zurück.“[14]

Orpheus konnte sich tragischerweise nicht beherrschen und seine Liebe gleitet zurück in die Unterwelt. Chihiro ist auf dem Weg zum Tunnel auch einmal kurz davor, sich umzudrehen, besinnt sich dann aber doch eines Besseren.

Sodom und Gomorrha

Dasselbe Motiv finden wir auch in der Bibel in der Geschichte um Sodom und Gomorrha:

„Als alle auf dem freie Feld waren, sagte der Herr: ‚Lauft jetzt, so schnell ihr könnt! Es geht um euer Leben! Bleibt nicht stehen und schaut nicht zurück! Rettet euch auf die Berge, sonst seid ihr verloren!‘“[15]

Ob sich Hayao Miyazaki an der Bibel oder an der römischen Mythologie orientiert hat, kann zwar nicht mit Sicherheit gesagt werden, doch ist es für mich sehr wahrscheinlich.

Chihiros Reise ins Zauberland ist Krabat!“

Dass sich der Regisseur allerdings von westlicher Literatur hat inspirieren lassen, wird an meinem letzten und, wie ich finde, eindeutigsten Beispiel deutlich. Erinnert ihr euch an die Szene, in der Chihiro aus 12 Schweinen ihre Eltern erkennen muss, um den Fluch zu brechen und wieder in ihre Welt zurückkehren zu dürfen? Ich habe diese Stelle vor Kurzem gesehen und sofort eine Nachricht an meinen Bruder geschrieben: „Chihiros Reise ins Zauberland ist Krabat!“ Und ich hatte Recht! Hayao Miyazaki kannte tatsächlich das Meisterwerk von Ottfried Preußler, wie er auf der Bonus-DVD zum Film erklärt.[16] Wer im Übrigen das Buch Krabat nicht sowieso schon in der Schule gelesen hat, sollte es dringend nachholen. Es ist toll! Yubaba entspricht vollkommen dem seine Untergebenen mit einer bedrohlichen Macht kontrollierenden Meister. Der Zwang, arbeiten zu müssen, ist auch ein Motiv, dass sowohl in Krabat als auch im Animefilm auftaucht.[17]

Chihiros Reise ins Zauberland als Neuinterpretation von Krabat

(Gemeinfrei – Rabe)

Während Chihiro vor die Prüfung gestellt wird, ihre Eltern unter 12 Schweinen zu erkennen, muss Krabats Mädchen ihn aus 12 Raben erwählen. Die wahre Gestalt der Dinge muss zuerst erkannt werden, bevor eine Rückkehr möglich ist. Beiden gelingt es!

Fazit

Auch wenn bei der Übersetzung des Filmes viel von der versteckten Thematik verloren gegangen ist, war es mir dennoch möglich, viele Geheimnisse von Chihiros Reise ins Zauberland zu offenbaren. Nur zu wenigen der angesprochenen Interpretationen hat Hayao Miyazaki persönlich Stellung genommen, wodurch er dem Betrachter viel Raum für eigene Deutungen lässt. Ich persönlich fand es total spannend zu erkennen, wie viele geheime Motive und Anspielungen der Animefilm aufweist und wie toll Hayao Miyazaki dies in einer phantastischen Handlung inszeniert hat.

Falls ihr weitere Ideen habt, wie der Film Chihiros Reise ins Zauberland gedeutet werden kann oder eure Meinung zu meinem Blogartikel schreiben möchtet, freue ich mich auf eure Kommentare.

Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen und vielleicht auch ein bisschen Gänsehaut, so wie ich, als ich dies alles herausgefunden habe. Wenn ihr es nun kaum erwarten könnt, den Film erneut zu schauen, legt die Disk ein. Ich verspreche euch, ihr seht Chihiros Reise ins Zauberland nun mit ganz anderen Augen.

 

Weitere Links und Literatur:

Allison, A., The Japan fad in global youth culture and millennial capitalism, in: Lunning, F. (Hrsg.), Mechademia 1: Emerging worlds of anime and manga, Minneapolis 2006, S. 11-22.

Balek, M., Das Märchen als Hilfe zum Umgang mit der kindlichen Angst. Wien 2002.

Gute Nachricht Bibel. Altes und Neues Testament, Stuttgart 2000.

Hadland Davis, F., Myths and Legends of Japan. With 32 illustrations by Evelyn Paul, New York 1992.

Hori, I., Folk Religion in Japan: Continuity and Change, Chicago 1968.

Kamimamura, K., Twin Registration and Related Superstition, in: Japanese Journal of Health and Human Ecology 41 (1975) 2, S. 59-65.

Miyazaki, H., The Art of Spirited Away, o. O. 2002.

Miyazaki, H., Chihiros Reise ins Zauberland. Bonus-DVD, München (Universum-Film) 2003.

O. A., Analyse: Yunas des Badehauses, in: https://ghibli.fandom.com/de/wiki/Analyse:Yunas_des_Badehauses (Zuletzt abgerufen am 08.04.2020).

O. A., Chihiros Reise ins Zauberland – Mehr als ein Kinderfilm, in: https://www.japaniac.de/chihiros-reise-ins-zauberland-mehr-als-ein-kinderfilm/ (Zuletzt abgerufen am 08.04.2020).

(Publius) Ovidius Naso, Metamorphosen. Lateinisch-Deutsch, hrsg. v. von Albrecht, Michael, Stuttgart 2010.

Preußler, O., Krabat, Stuttgart/Wien 1988.

Reider, N., Spirited Away: Film of the Fantastic and Evolving Japanese Folk Symbols, in: Film Critism 29 (2005) 3, S. 4-27.

Rubesch, M., Der Einfluss von Märchen und Mythen auf Hayao Miyazakis „Sen to Chihiro no kamukakushi“, Wien 2011.

Wolf, A., Die traurige Deutung von Chihiros Reise ins Zauberland, in: https://www.youtube.com/watch?v=oqMDBusYNPg (Zuletzt abgerufen am 08.04.2020).

 

  1. Rubesch 2011, S. 92-94.
  2. Für den Begriff Kami gibt es keine entsprechende Übersetzung. Kamis können im Shintōismus als verehrbare Dinge, Gottheiten und Lebewesen aufgefasst werden.
  3. Allison 2006, S. 11-22.
  4. Allison 2006, S. 11-22
  5. Kamimamura 1975, S. 59-65; Ich danke Larissa und Max für ihre Hinweise zu diesem Kapitel.
  6. Rubesch 2011, S. 63.
  7. Balek 2002, S. 52.
  8. Wer sich weiter für Märchenmotive in Chihiros Reise ins Zauberland interessiert, dem empfehle ich sehr die Diplomarbeit von Rubesch 2011. Sie schafft einen tollen Überblick über den Einfluss von Märchen auf den Film. Eigentlich wollte ich die Autorin für ein Interview gewinnen, aber leider konnte ich sie nicht kontaktieren.
  9. Miyazaki 2002, S. 104.
  10. Rubesch, 2011, S. 81-83.
  11. Reider 2005, S. 13.
  12. Hori 1968, S. 167.
  13. Hadland Davis 1992, S. 57-62.
  14. Ovid, Metamorphosen, 10. Buch, V. 53-57.
  15. 1. Buch Mose (Genesis) Kapitel 19, V. 17.
  16. Miyazaki 2003, Z. 00:02:18.
  17. Preußler 1988.

Hinweis: Die Zitation von Texten oder Bildern auf diesem Blog erfolgt auf Basis von Paragraph 51 des UrhG im Sinne der Erläuterung und Diskussion der Inhalte im Rahmen von selbständigen wissenschaftlichen Blogeinträgen.

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